GMSEventsDie 29. Jahrestagung der Gesellschaft für Mineralstoffe und Spurenelemente (GMS e.V.) fand vom 13.-15. Sept. 2013 unter dem Motto „Den Elementen auf der Spur – Diagnostik und medizinische Bedeutung der Spurenelemente“ in Berlin statt. Leider ist dieses schöne Event schon wieder Geschichte, und somit ist es an der Zeit, ein kurzes Resümee zu ziehen.

In der Urania, einer Berliner Einrichtung zur Förderung der Kommunikation zwischen den interessierten Bürgern und Experten der Natur- und Geisteswissenschaften, Medizin und Gesundheitsvorsorge, eröffnete Herr Prof. Michalke als Präsident der GMS mit einem lebhaften Plädoyer für eine aktivere Rolle der GMS in der Öffentlichkeit die Jahrestagung. Diese Aufforderung wurde dann exemplarisch von Herrn Prof. Köhrle, Direktor des Instituts für Experimentelle Endokrinologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin, aufgenommen und mit Leben gefüllt; sein reich bebilderter und schwungvoller öffentlicher Vortrag „Selen in aller Munde“ spannte einen weiten Bogen von der Entdeckung dieses schillernden Spurenelementes durch den schwedischen Chemiker Jöns Jakob Berzelius im Jahre 1818 über die wechselvolle medizinische Bedeutung des Selenstatus bis zur heutigen Bedeutung als Bestandteil essentieller Enzyme und als vielversprechendes Supplement in der Prävention und Klinik.

 

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Der Referent warnte hierbei aber auch vor den Folgen einer unkontrollierten Supplementation, denn Selen, wie kaum ein anderer Mikronährstoff, ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass „viel hilft viel“ nicht universal gültig ist, sondern vielmehr eher die oft verifizierte Erkenntnis von Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, gilt: „Dosis sola facit venenum“, also „Allein die Dosis macht das Gift“. Immer wieder kommt es durch menschliche Fehler zu Überdosierungen, die zwar meist glimpflich ausgehen, dennoch aber eine nicht zu unterschätzende Gesundheitsgefährdung darstellen können. Wenn eine zusätzliche Selenaufnahme gewünscht ist, dann sollte man auf vertrauenswürdige Quellen zurückgreifen, d.h., natürliche Produkte wie Nüsse (cave: auch mit überhöhtem Paranusskonsum kann man sich vergiften) oder spezielle Supplemente namhafter Hersteller wählen. Schließlich wurde das Auditorium mit der provokanten These konfrontiert, dass eine Schwermetallvergiftung nur im Rahmen eines Selenmangels verstanden werden kann. Doch dazu später mehr.

 

Gemeinsam mit dem Referenten und dem GMS Vorstand sind dann viele Zuhörer zum praktischen Aspekts des Eröffnungstages übergegangen: einer ausgewogenen Zufuhr von Mikronährstoffen in fester und flüssiger Form unter Gitarrenbegleitung bei einem nahegelegenen spanischen Restaurant. Es wurde offensichtlich, dass die GMS eine exzellente Diskussionsplattform für den interaktiven Austausch zu zentralen Ernährungs- und Gesundheitsthemen darstellt; hier wurde gelacht, diskutiert, gezweifelt, phantasiert und über die Fachdisziplinen hinaus der Konsens und die Synergien gesucht.

Diesem entspannten und unaufgeregten Auftakt folgte dann am Samstag ein straffes wissenschaftliches Programm im schönen Seminaris Campus Hotel Berlin, das auch just an diesem Wochenende zum »Besten Tagungshotel in Deutschland 2013« gekürt wurde.

 

         Posterpreise     Se Plenum    Posterpräsentation

 

Im ersten Vortragsblock stand gemäß des Mottos der Jahrestagung die Bedeutung von lege artis etablierten, kontrollierten und validierten Assays und Testsystemen im Vordergrund. Gerade vor dem Hintergrund einer zunehmenden Anzahl von zurückgezogenen, fehlerhaften und nicht reproduzierbaren Publikationen in den Lebenswissenschaften sieht sich die GMS bestens aufgestellt, um durch Bündelung der Expertisen ihrer Mitglieder aus der Veterinär- und Humanmedizin, der Biochemie, Toxikologie und analytischen Chemie hier vorbildliche und notwendige Synergismen für eine exzellente Analytik von Spurenelementen, Mineralstoffen und den biologischen Biomarkern und Testsystemen zu fördern. Die unterschiedlichen Blickwinkel, mit denen die Referentinnen und Referenten Assays und Ergebnisse zu ihren Lieblingselementen hier vorstellten, ermöglichten den Teilnehmern einen kritischen Zugang zu dieser extrem bedeutsamen Thematik. Die lebhafte Diskussion sprengte allerdings den hierfür vorgesehenen Zeitrahmen, so dass an den Postern in der ersten Kaffeepause anhand der jeweils vorgestellten und benutzten Technologien intensiv weiter diskutiert, gestritten und konsentiert wurde.

Der zweite Vortragsblock am Vormittag verdeutlichte dann anhand praktischer Beispiele die Bedeutung einzelner Mineralstoffe für die Human- und Veterinärmedizin, die Pflanzenwelt und das Ökosystem. Beeindruckende Erkenntnisse zur essentiellen Rolle von Zink für ein adäquat funktionierendes Immunsystem machten hierbei den Auftakt und die Zuhörer nachdenklich, inwieweit denn der eigene Zinkstatus marginal oder ausreichend ist. Hier fehlen offensichtlich noch gut geeignete Biomarker und Assays, denn die Zinkkonzentration im Serum reflektiert den Zinkstatus in den Immunzellen nur unzureichend. Anders sieht es bei unserer Iodversorgung aus; neue Daten der SHIP-Studie zeigen, dass Deutschland nicht mehr generell als mangelhaft versorgt einzustufen ist, allerdings ist in den letzten Jahren wieder ein besorgniserregender Abfall der Urinausscheidung, gerade bei Kindern und Heranwachsenden, zu beobachten. Dieses Thema wird somit weiterhin von großer Bedeutung bleiben. Ebenfalls ist es nötig, einzelne Spurenelemente nicht isoliert, sondern ggf. eher in Kombination zu betrachten. Hierbei eignet sich auch die Schilddrüse als ausgezeichnetes Beispiel, denn die iodhaltigen Schilddrüsenhormone Thyroxin und T3 werden von Selenoenzymen aktiviert und abgebaut. Gerade für die Tiergesundheit ist deshalb eine angemessene, aber nicht übermäßige Versorgung mit Iod und Selen über den Mineralmix des Tierfutters essentiell. Wie auf molekularer Ebene ein Zuviel schaden kann, wurde dann anhand von Quecksilberderivaten in Zellkulturmodellen der Blut-Gehirnschranke dargelegt. Hier schloss sich inhaltlich ein Kreis zum Auftaktvortrag in der Urania, da die provokante These, dass ein guter Selenstatus die toxische Quecksilberwirkung modulieren kann, noch experimentell zu überprüfen ist. Ein weiterer neuer Wirkmechanismus von Spurenelementen ist die epigenetische Veränderung regulatorischer DNA-Sequenzen, was anhand einer Zinksupplementation im Nutztier eindringlich erörtert wurde. Dieser Vortragsblock wurde schließlich durch eine biogeologische Perspektive aufs Eindrucksvollste erweitert. Dr. Gary Banuelos aus dem nationalen Institut für Agrarwissenschaften der USA in Fresno, Kalifornien, erläuterte anhand der hohen Boratkonzentrationen in den kalifornischen Böden die Problematik von Kreisläufen der Spurenelemente in der landwirtschaftlichen Nutzung. Er gab Beispiele, wie durch die geschickte Auswahl und Kombination geeigneter Nutzpflanzen der Mineralgehalt im Boden kontrolliert und für die Landwirtschaft nutzbar gemacht werden kann. Dieser bildergewaltige Vortrag machte Appetit auf mehr – und so ging man gemeinsam diskutierend zu Tisch und deckte den Salz- und Flüssigkeitsbedarf in angenehmer Atmosphäre bei stimulierenden Tischgesprächen.

Den Nachmittagsblock eröffnete PD Dr. Jakob Linseisen aus München mit einem Überblick über das kontroverse Feld der Bedeutung von Kalzium für Herzkreislauferkrankungen. Auch hier könnte das Zuwenig oder Zuviel einen bedeutsamen Risikofaktor darstellen. Der Vortrag verdeutlichte die Aussagekraft von Metaanalysen epidemiologischer Studien für die medizinische Forschung und machte nochmals deutlich, dass eine gezielte Supplementation gut überlegt sein will; bei Kalzium gilt es, den anabolen Effekt von Kalzium in Kombination mit Vitamin D für die Knochengesundheit gegen das potentielle Risiko von Nebeneffekten auf das Herzkreislaufsystem patientenspezifisch gegeneinander abzuwägen. Diese Aussage wurde dann durch eine überzeugende medizinische Studie zur prospektiven Bedeutung des Selenstatus bei Herzversagen erweitert; ein Selenmangel ist ein Risikofaktor, nicht nur bei Krebs- oder Infektionserkrankungen, sondern auch während der Rekonvaleszenz. Vom Menschen ging es dann nahtlos zum Fadenwurm Caenorhabditis elegans, der als geeigneter Modellorganismus für die Forschung zur Neurotoxizität von Manganverbindungen vorgestellt wurde; unter seinen ca. 1000 Zellen sind 302 Neurone zu finden, die sich elegant identifizieren und analysieren lassen und so ein veritables in vivo Modell für zellspezifische Spurenelementwirkungen darstellen. Schließlich bereicherte uns Prof. Mittag aus dem Karolinska Institut in Schweden mit einem praktischen Beispiel zur Bedeutung von Spurenelementverhältnissen in der medizinischen Diagnostik; der Quotient aus dem Selen- und Kupferstatus im Serum erlaubt einen detaillierten Einblick in die Leberfunktion und kann als Differentialdiagnostikum bei Hormonresistenzen der Schilddrüsenachse dienen.

Die folgende Kaffeepause wurde wieder für lebhafte Diskussionen über die Vorträge und ausgestellten Poster genutzt. Hieran schloss sich die Mitgliederversammlung an (siehe den gesonderten Bericht), ehe Prof. Vadim Gladyshev aus der Harvard Medical School, Boston, USA, den Festvortrag zum Thema: „ Genomics of Selenoproteins and Oxidative Stress“ hielt. Dieser Vortrag war etwas Besonderes: nicht nur wegen der wissenschaftlichen Tiefe und üppigen Redezeit, sondern da er gleichzeitig der Auftaktvortrag des „10th International Symposium on Selenium in Biology and Medicine 2013“ war. Die diesjährige GMS Jahrestagung war somit erstmalig mit einer internationalen Tagung dergestalt verknüpft, dass es ein überlappendes Programm und gemeinsame Vorträge gab. Prof. Gladyshev zeigte Parallelen und Besonderheiten zwischen dem artspezifischen Selenoproteom und der maximal möglichen Lebensspanne im gesamten Tierreich auf. An diesen faszinierenden Festvortrag schloss sich ein gemeinsamer Empfang zwischen den >100 wissenschaftlichen Postern der beiden Tagungen an. Die Stimmung war exzellent, ein babylonisches Sprachengewirr erfüllte die große Halle, und Veranstalter, Gäste und Aussteller genossen den schönen Abend miteinander.

Am nächsten Vormittag gab es einen gut besuchten von der GMS ausgerichteten Vortragsblock innerhalb des internationalen Symposions zur Speziierung von Selen aus biologischen Proben. Hier wurden die Schwierigkeiten verschiedener Matrizes beleuchtet, eine beispielhafte Analyse aus Liquor cerebrospinalis über SAX-ICP-DRC-MS vorgestellt und die Selenozucker als unterschätzte Abbauform mit potentieller diagnostischer Bedeutung vorgestellt. Schließlich wurden verschiedene Selenformen in Getreide erläutert, die durch eine Kombination von Elementaranalyse und Massenspektroskopie identifiziert wurden. Neben der Problematik, geeigneter Qualitäts- und Quantifizierungsstandards für Plasma-Selenoproteine zu etablieren, wurden in diesem Vortragsblock noch individuelle Besonderheiten im Selenmetabolismus von erwachsenen Bundesbürgern anhand ihrer Produktionsrate von Selenonium-Ionen als lösliche Ausscheidungsprodukte bei Selenüberversorgung vorgestellt. Zusammengenommen beleuchteten diese Vorträge die Komplexität der verschiedenen biologischen Selenformen und ihrer Analytik, und beeindruckten durch die Sensitivität, Präzision und Trennschärfe der benutzten Technologien bei der Speziierung eines solchen Spurenelementes.

Zum Abschluss wurde es dann wieder feierlich, denn die unabhängige Jury der GMS hatte sich auf zwei Posterbeiträge geeinigt, die mit einem Preis ausgezeichnet werden. Hierbei handelte es sich um die Poster von M.Sc. Sarah Fremgaard Risnes: “Impact of cadmium on antioxidant enzymes in HCT116 cells and protective interaction by selenium“, aus dem Karlsruher Institut für Technologie, und M.Sc. Niels-Peter Becker: “Hypoxia affects selenoprotein expression“, aus der Charité - Universitätsmedizin Berlin, die in Form, Inhalt und Präsentation in hervorragender Weise den interdisziplinären Charakter und das wissenschaftliche Niveau dieser GMS Tagung verkörperten.

Diese Jahrestagung bleibt Dank der exzellenten Beiträge, tollen Stimmung und überaus kommunikativen Atmosphäre hoffentlich allen Teilnehmern in guter Erinnerung. Im Namen des GMS Vorstands und Beirats und des lokalen Organisationsteams darf ich mich bei allen Teilnehmern für ihr Kommen, das wertvolle Engagement und die Diskussionsbeiträge bedanken. Ebenso sind wir den Sponsoren der diesjährigen Tagung sehr zu Dank verpflichtet, denn ohne einen finanziellen Zuschuss seitens der Industriepartner hätten wir eine solch schöne Tagung mit diesen hochklassigen Referenten in diesem überaus angenehmen Rahmen nicht durchführen können. Herzlichen Dank.

Meinem Mitarbeitern, und hier ganz besonders Herrn Dr. Kostja Renko und Dr. Peter Hofmann, danke ich für ihre unverzichtbare Unterstützung bei allen formalen, internet-basierten und praktischen Aspekten dieser Veranstaltung. Zweifellos unentbehrlich und exzellent.

Es bleibt mir nur, Sie herzlich zur 30. Jahrestagung der GMS e.V. ins schöne Weihenstephan, tief in den Süden unserer Republik, einzuladen, wo Sie auf ähnlich motivierte, tolerante und feiererprobte Kolleginnen und Kollegen treffen werden wie dieses Jahr in Berlin. Möge die GMS florieren und als attraktive Fachgesellschaft viele neue Mitglieder in Weihenstephan begrüßen dürfen!

Herzlichst,

Lutz Schomburg (Tagungspräsident, Berlin 2013)

 

Wir danken den Sponsoren der Jahrestagung, die diese hervorragende Veranstaltung mit ermöglicht haben:

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